Dachbegrünung mal anders!

Heiko H. Stutzke
Januar 2018

 

Die Hausbesitzer unter uns kennen das Phänomen: Im Laufe der Jahre entstehen auf den Dachziegeln grünliche oder helle Flecken, die das gleichmäßige Gesamtbild stören. Und so gibt es den einen oder die andere, die alle paar Jahre viel Zeit damit verbringen oder sogar Fachfirmen beauftragen, um die Dachziegel zu reinigen und danach zu versiegeln.

Aber: Ist das wirklich eine sinnvolle Maßnahme – oder ist sie sogar kontraproduktiv?

 

Die Antwort ist ebenso simpel wie unerwartet: Auch solche „grünen“ Dächer leisten einen erheblichen Beitrag zur CO2-Reduzierung.

 

Bei den Flecken handelt es sich nämlich um Flechten, die auf unseren Dachziegeln einen Lebensraum entdeckt haben, der weitgehend ihrer natürlichen Umgebung entspricht. Sie sind äußerst robust, trotzen direkter Sonneneinstrahlung, großer Hitze und selbst ausbleibendem Regen. Kleine Unebenheiten auf der Oberfläche reichen ihnen, um sich festzuhalten. Sie filtern Feinstäube und Schadstoffe aus der Luft, bauen CO2 ab und erzeugen jede Menge Sauerstoff. Und sie richten an den Dachziegeln keinerlei Schaden an.

 

All das zusammen macht es sinnvoll, sich auch einmal strategisch mit dem „Lebensraum Dach“ auseinanderzusetzen.

 

 

1       Klimaziele verfehlt und jetzt aufgegeben

 

Deutschland hat auch im Jahr 2017 die gesteckten Klimaziele weit verfehlt: Die CO2-Erzeugung konnte im Vergleich zu 2016 nicht reduziert werden, und die Erwärmung der Erde schreitet weiter voran. Immerhin: Regenerative Energie aus Windkraft, Solaranlagen etc. trägt bereits zu einem guten Drittel zur Stromerzeugung bei und hilft, den Ausstoß des Treibhausgases zu reduzieren und den Klimawandel zu verlangsamen. Ihr weiterer Ausbau ist in unseren Köpfen als Mittel der Wahl fest verankert. Wir sehen aber, dass alle Maßnahmen gerade bei wachsender (Welt-)Wirtschaft nicht ausreichen, um die CO2-Bilanz deutlich zu verbessern. Die verbindlichen Klimaziele Deutschlands wurden auf Grundlage dieser Erkenntnis nun aufgegeben und durch vage Absichtserklärungen ersetzt.

 

Trotzdem denkt kaum jemand darüber nach, nicht nur Einsparmaßnahmen umzusetzen, sondern CO2 auch aktiv wieder aus unserer Atmosphäre zu entfernen. Hierfür können auch unkonventionelle Maßnahmen helfen.

 

Und damit sind wir wieder bei den Flechten auf unseren Dachziegeln.

 

 

2       Aktive Dächer mit „Passivbegrünung“

 

Umfassende Dachbegrünungen sind ein sinnvolles Mittel, um den Flächenverbrauch für Bauwerke und Straßen wenigstens zum Teil zu kompensieren. Allerdings erfordert dies nicht nur statische Überlegungen, sondern auch baurechtliche Genehmigungen, und insgesamt ist es teuer und pflege-intensiv.

 

Unsere Idee ist daher, auch die „passive“ Dachbegrünung zu fördern, indem wir Flechten auf unseren Dächern einen optimalen Lebensraum bieten. Forschungen haben ergeben, dass diese Lebewesen einen enormen Beitrag leisten, indem sie jährlich knapp 50 Millionen Tonnen Luftstickstoff binden (das sind etwa 25–50 % der gesamten natürlichen Aufnahme aus der Atmosphäre) und rund 14 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen. Dies entspricht ungefähr der Menge, die pro Jahr weltweit durch Waldbrände und die Verbrennung von Biomasse freigesetzt wird.[1]

 

Mit etwas Entwicklungsarbeit können bestimmt die meisten (neuen) Dachziegel und andere Dachformen fit gemacht werden für einen schnellen und durchgehenden Bewuchs mit Flechten, der „von selbst“ entstehen oder aufgebracht werden könnte, nicht aufträgt und auch nicht gepflegt werden muss. Auf glasierte Dachziegel sollte verzichtet werden.

 

Durch gezielte Werbung für diese Maßnahmen können wir dafür sorgen, dass grüne Dächer für uns ganz normal werden und helfen, die Klimabilanz zu verbessern. Und wir müssen nicht einmal viel Geld dafür ausgeben.

 

 

3       Grüne Fassaden

 

Ähnliches gilt für unsere Fassaden. Gerade die vielen mit Hartschaum isolierten Außenwände neigen im Laufe der Zeit dazu, grüne Flecken zu entwickeln, in den sich hauptsächlich Algen tummeln. Das sieht nicht sehr einladend aus, ist aber genau wie die passive Dachbegrünung ein Faktor für unsere Umwelt.

 

Auch hier würde also ein Umdenken helfen. Wir geben aber zu, dass es uns als Hausbesitzer mit ebenfalls leicht grün-fleckiger Fassade schwerfällt, uns damit anzufreunden. Aber vielleicht lassen sich ja Möglichkeiten für Fassaden entwickeln (auch für vorhandene), damit gleichmäßiges Grün eine Chance hat und nicht nur unansehnliche Flecken entstehen. So etwas könnte vielleicht sogar den isolierenden Effekt noch verstärken.

 

Hier sind die Forscher gefragt, und es sind ohne Zweifel viele Fragen zu stellen und zu beantworten.

 

 

Fazit

 

Sicher gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, zum Klimaschutz beizutragen und CO2 aktiv aus der Atmosphäre zu entfernen. Gleichzeitig wird so unsere Umwelt grüner und naturnäher – also eine Win-Win-Situation.

 

Wichtig ist jetzt auch, dass die Politik Anreize für diese Form des Klimaschutzes schafft.

So wird das Grün auf unseren Dächern vielleicht bald ganz normal, und ein Dach ist erst fertig, wenn auch die Flechten da sind. Das wäre doch was!

 

[1]    Vgl. Steinkamp, Jörg: Flechten, Algen und Moose sind wichtige Komponenten für Stickstoff- und Kohlendioxidbindung, unter: http://www.senckenberg.de/files/SH_Preis/flechten,_algen_und_moose_sind_wichtige_komponenten_fur_stickstoff-_und_kohlendioxidbindung.pdf.

 

Über den Autor:

 

Dr. Heiko H. Stutzke ist Diplom-Ökonom. Seit 2013 ist er Geschäftsführer des Strategiebüro Bremen.

 

Das Team des Strategiebüro Bremen begleitet Unternehmen und Institutionen im privaten und öffentlichen Bereich bei der Durchführung erfolgreicher Workshops – von individuellen Themen bis zur Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wir sind Mitglied des Digitalisierungs-Beraterpools der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH.

 

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