Drum verschiebe nicht auf morgen

Heiko H. Stutzke

Mai / Juni 2018

 

Wir sparen eine Menge Geld. Und damit ist nicht die Sparquote von 10,2 % im 4. Quartal 2017 gemeint. Wir sparen einfach dadurch, dass wir jetzt Dinge nicht tun, die aber später – teilweise viel später – getan werden müssen. Bei der Entsorgung von Produkten am Ende ihrer Lebensdauer passiert häufig nämlich genau das: Anstatt im Sinne einer Kreislaufwirtschaft „Verbrauchtes“ wirklich zurückzuführen, verbrennen wir es, oder wir lagern es irgendwo ein. Umweltgerecht und nachhaltig ist das nicht.

 

Strategisch betrachtet bedeutet das: Wir betreiben lieber kurzsichtig unser Tagesgeschäft, als uns langfristig und nachhaltig aufzustellen. Es stellt sich die Frage, wie lange wir uns das noch leisten können. Das ist das Thema unseres heutigen „Denkanstoßes“.

 

Müll und Plastik überall

 

Zunächst ein paar Zahlen, um das Problem zu verdeutlichen: Im Jahr 2014 (neueste verfügbare Daten) wurden in Europa (EU-28) insgesamt 2.503 Mio. Tonnen Abfall erzeugt – also 2.503.000.000 Kilogramm. Davon wurden lediglich 36,2 % recycelt.[1] Der Rest, also 1.597 Mio. Tonnen, wurde „anderweitig“ entsorgt: auf Deponien, in Verbrennungsanlagen, … und in der Umwelt. Gerade werden Pläne entwickelt, um die Recyclingquote mittelfristig auf 50 % bzw. 55 % anzuheben. Bei steigendem Müllaufkommen dürfte sich also an der Situation letztlich nichts ändern.

 

Dazu tragen auch Kunststoffe in erheblichem Umfang bei. Wir können und wollen nicht auf sie verzichten, und es gibt täglich viele gute Gründe, warum „Plastik“ das Mittel der Wahl ist. Das Gewicht spielt eine Rolle, die Formbarkeit, der Einsatzzweck, und vieles mehr. Das ist auch alles völlig in Ordnung. Wie würde zum Beispiel ein Auto funktionieren – und was würde es verbrauchen -, wenn es ohne Kunststoffe gebaut würde? Allerdings haben wir ein Problem, wenn wir all die Produkte am Ende ihrer Lebensdauer wieder loswerden wollen. Der Gelbe Sack ist dabei übrigens keine optimale Lösung, und Verbrennen als „umweltschonendste Alternative“ ein Armutszeugnis.

 

Und so kommt es dazu, dass Wissenschaftler selbst im polaren Meereis bis zu 12.000 (!) Mikroplastikteilchen in einem Liter Meereis finden[2]. Es dürfte jedem klar sein, dass es an anderen Stellen auf unserem Planeten sicher noch weitaus schlimmer aussieht – und dass es nur eine Frage kurzer Zeit ist, bis diese Hinterlassenschaften über die Nahrungskette wieder bei uns auf dem Teller landen. Darüber hinaus wird unserer Umwelt ein immenser Schaden zugefügt, und es ist unklar, wie damit umzugehen ist. Fest steht aber schon: Es wird teuer.

 

Es gibt noch viele andere Beispiele, die ebenso wie die Verschmutzung mit Plastik das Problem verdeutlichen. Denken wir an die Atomkraft, bei der eine echte „Entsorgung“ des radioaktiven Abfalls gar nicht möglich ist. Oder an den steigenden CO2-Spiegel in der Atmosphäre durch die Verbrennung fossiler Energieträger, der sich so richtig erst in einigen Generationen auswirken wird, dann aber unumkehrbar ist. Das sind alles „Lose Enden“, bei denen der Produkt-Lebenszyklus nicht wirklich „zu Ende gedacht“ wurde. Die Devise lautet: Wir machen des jetzt, und später findet sich schon eine Lösung für entstehende Probleme. Das kann eine ganze Weile gutgehen, aber irgendwann holt es uns (oder unsere Nachkommen) wieder ein – garantiert.

 

 

Lose Enden = Kostenvermeidung = später ein Problem

 

Wenn wir uns die Details von Produktentwicklung und -vertrieb anschauen, geht es um Einsatzzwecke, Rohstoffe und Vorprodukte, Design, Produktions- und Vertriebskosten, Wartung etc. Irgendwann ist das Produkt fertig und kann genutzt werden. Und ganz gleich, ob es ein Fahrzeug, ein Konsumartikel oder eine Fabrikhalle ist: Am Ende der Lebensdauer muss der jeweilige Besitzer sich darum kümmern, was aus dem Produkt wird. Da es dann keinen unmittelbaren Nutzen mehr generiert, sondern im Gegenteil Kosten verursacht, ist es nur zu verständlich, dass die „Entsorgung“ so einfach wie möglich erfolgt. Das Ergebnis sehen wir oben in der Statistik: Immer noch ist es bei vielen Stoffen preiswerter, sie hinterher zu verbrennen, in Deponien zu stapeln oder weiträumig zu verteilen, als dafür zu sorgen, sie sinnvoll wieder dem natürlichen Stoffkreislauf zuzuführen. So weht der Plastikmüll dann von der Deponie in die Landschaft, Fässer mit bedenklichem Inhalt werden nach Jahren undicht, und entsorgte Güllemengen werden von den Feldern als Nitrate ins Grundwasser gespült. Wie es in Ländern ohne eine geregelte Müllentsorgung aussieht, kennen wir ja aus dem Fernsehen.

 

Weitere Beispiel gibt es haufenweise.

 

Sie alle haben gemeinsam, dass der eigentlich heute nötige Aufwand für eine wirklich nachhaltige Beseitigung der Abfallstoffe nicht betrieben, sondern in eine nicht definierte Zukunft verschoben wird.

 

Dahinter mag die Annahme stehen, dass es später bessere Möglichkeiten zur Behandlung dieser Stoffe geben wird, aber machen wir uns nichts vor: Eigentlich ist es nur Kostenvermeidung.

 

 

Was zu tun ist? Umdenken!

 

Wir brauchen umfassende Strategien zur Müllvermeidung und zur vollständigen Rückwandlung in ungefährliche Naturstoffe, die schon bei der Entwicklung und der Herstellung von Produkten ansetzen. Und mehr globale Initiativen bei Bildung und Verhalten, damit wirklich jedem klar ist, dass Abfall nicht in die Umwelt gehört.

 

So weit, so klar. Das führt aber nahezu automatisch zur Frage, wer das bezahlen soll, denn dieser Aufwand ist in den Produkten nicht „eingepreist“, und es gibt ja auch noch den internationalen Wettbewerb. Und woher soll die Energie für die entsprechenden Prozesse kommen?

 

Ist also keine Lösung besser als eine Lösung?

 

Keineswegs.

 

Die Kosten für eine sinnvolle Entsorgung müssen irgendwann aufgebracht werden – daran führt kein Weg vorbei. Das Plastik muss wieder aus den Meeren entfernt, das nitratbelastete Grundwasser aufbereitet und die Luft wieder gesäubert werden. Bei solchen Aktivitäten stellt sich schon heute immer wieder heraus, dass der Aufwand für die Schadensbehebung deutlich höher ist, als es der Aufwand für die sinnvolle Planung der Müllvermeidung oder der nachhaltigen Entsorgung gewesen wäre. Und viel Energie kostet er auch.

 

Der einzige, scheinbare Vorteil, der sich aus unserer heutigen Vorgehensweise (noch) ergibt, ist, dass die später anfallenden Kosten für die Schadensbehebung häufig sozialisiert, also von der Allgemeinheit getragen werden.

 

Dieser Faktor „die Allgemeinheit wird es später richten“ muss aus der Prozesskette entfernt werden.

 

Dabei ist der Einwand berechtigt, dass die zu leistenden „Aufräum-Aktivitäten“ ja auch Arbeitsplätze schaffen und zum Wirtschaftswachstum beitragen. Das ist auch korrekt. Es gilt aber zu bedenken, dass die entsprechenden Kosten und Aufwände nicht zu Produkten oder Dienstleistungen führen, die uns das Leben leichter machen. Sie werden nicht ausgegeben für die Modernisierung von Schulen, für die Erforschung alternativer Verkehrs- und Vertriebsformen, für Gesundheit und Medizin etc. Das Geld könnte an diesen Stellen viel sinnvoller eingesetzt werden.

 

Falls das noch nicht reicht zum Umdenken: Würden Sie Ihren Kindern und Enkeln eine Welt voller Müll hinterlassen wollen, in der fast alles belastet und bedenklich ist? In der die Vögel und Bienen im Garten oder Landschaften, in denen man die Natur genießen kann, nur noch Erinnerungen auf alten Fotos sind?

 

Übrigens: Jeder von uns kann etwas tun – Politiker sogar noch mehr.

 

 

Strategisch vorgehen!

 

Für die Zukunft ist es entscheidend, bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen strategisch vorzugehen. Es gilt, den gesamten Stoffkreislauf als Grundlage zu verwenden und auf dieser Basis zu entscheiden, wie Produkte und Dienstleistungen gestaltet werden sollen. Jedes Produkt muss seine eigene „Entsorgungsanleitung“ mitbringen (siehe auch unser Denkanstoß vom Januar 2017), und die Verantwortung in Unternehmen muss dementsprechend den gesamten Lebenszyklus bis zur abgeschlossenen und komplett umweltgerechten Entsorgung umfassen – ohne Deponien.

 

Dabei gilt es, nicht nur an Verbote bestimmter Produkte oder Produktgruppen zu denken. Besser wäre ein damit gekoppeltes Anreizsystem, so dass insgesamt ein hoher Druck entsteht, nach alternativen Lösungen zu suchen. Und das können wir in Deutschland ja besonders gut: Wir verfügen nicht über Bodenschätze, die wir verkaufen könnten - aber wir verfügen über die Fähigkeit, Neues zu entwickeln! Wenn wir dabei den Nachhaltigkeitsgedanken in den Vordergrund stellen und konsequent dafür sorgen, dass unsere Produkte und Dienstleistungen auch langfristig ohne negative Umwelteinflüsse bleiben, haben wir gewonnen – in jeder Hinsicht (auch im internationalen Wettbewerb).

 

[1]    Quelle: Eurostat unter http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Waste_statistics/de.

[2]    https://www.vbio.de/bremen/news-aus-bremen/rekordkonzentration-von-mikroplastik-im-arktischen-meereis.

 

Über den Autor:

 

Dr. Heiko H. Stutzke ist Diplom-Ökonom. Seit 2013 ist er Geschäftsführer des Strategiebüro Bremen.

 

Das Team des Strategiebüro Bremen begleitet Unternehmen und Institutionen im privaten und öffentlichen Bereich bei der Durchführung erfolgreicher Workshops – von individuellen Themen bis zur Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wir sind Mitglied des Digitalisierungs-Beraterpools der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH.

 

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